Reiner’s Gedankenreise


Liebe Leserinnen und liebe Leser,

heute möchte ich Euch auf eine Reise in meine Gedankenwelt mitnehmen. Seit na­hezu einem Jahr beschäftigt mich ein Thema bzw. ein Phänomen ganz besonders. In verschiedenen Gesprächen mit Fotografen konnte ich dieses Phänomen mehrmals bereits raushören, was zeigt, dass ich damit nicht allein bin. Bei einigen von Euch stellte sich eine Heilung dieses Phänomens ein bzw. nennen wir es lieber eine Lö­sung, da es ja keine Krankheit ist.

Ich rede davon, dass man blind wird. Blind zu sehen. Man erkennt einfach keine Mo­tive mehr.

Zumindest ging es mir auf einmal so. Klar, ich bin oft auf der Straße unter­wegs gewe­sen und habe allein in der Zeit von Januar 2015 bis heute ca. 70 Photo­walks organisiert, bin bei etlichen mitgegangen und bin auch sehr oft allein losgezo­gen. Aber es gibt so viele unter Euch, die auch fast täglich unterwegs sind und der Streetfotografie total verfal­len sind. Das bin ich auch noch, aber eben nicht mehr so, wie ich es damals gewesen bin. Heute sind diese Momente echt selten geworden, an denen ich mich motivieren kann, die Kamera zu nehmen und auf die Straße zu gehen, um bewusst Streetfotografie zu betreiben. Ich kann Euch auch gar nicht sagen, ob es vielleicht sogar an dem Lockdown lag, den wir hatten bzw. dem wir aktuell wieder ausgesetzt sind oder ob nicht. Ich denke aber eher nicht.

Angefangen hat das Ganze letztes Jahr. Wir, das Team von Soul of Street, kamen gerade aus München zurück, wo wir für Ricoh einen Photowalk organisiert und durch­geführt hatten. Wir hatten eine Menge Spaß und ich habe auch noch Motive gesehen. Aber ich bemerkte dort bereits, dass sich mein Fokus angefangen hat zu ändern. Ich versuchte nicht mehr unbedingt meinem bisherigen Stil treu zu bleiben, sondern auch andere Motive zu orten und wahrzunehmen. Immer noch Street, aber ohne Menschen. Ich habe immer mehr gesehen, wo Menschen ihre Finger zwar im Spiel hatten, aber sie selbst nicht mehr zu sehen waren. Ich dachte mir nichts dabei, weil eine Verände­rung ja nicht unbedingt etwas Schlechtes darstellt, sondern eher etwas Gutes. So ist zumindest meine Sichtweise.

Ich merkte aber auch, dass dieser Prozess schnell vonstattenging. Natürlich hatte ich in meiner fotografischen Zeit immer wieder mal Phasen, wo man etwas anderes oder anders macht, sei es Mitzieher, Juxta Bilder oder auch ganz am Anfang mal die Co­lorKey Phase. Aber seitdem ich mit der Streetfotografie im Jahr 2011 angefangen habe, habe ich für dieses Genre gebrannt. Es war meine Leidenschaft und der Antrieb für so vieles. Auch dieses Magazin, welches Du lieber Leser gerade liest, ist aus dieser Leidenschaft zur Streetfotografie entstanden.

Anfang 2020 habe ich dann gemerkt, dass ich bei den Photowalks in Köln gar nicht mehr so viel fotografiert bzw. teilweise gar nicht mehr fotografiert habe, weil ich oft gedacht habe, das Motiv hast Du schon. Selbstverständlich ist jeder Moment, den wir festhalten, Einzig­artig, aber das Motiv an sich, also die Szenerie, gibt es vermutlich öfters. Wie heißt es da? Es gibt nichts, was noch nicht fotografiert wurde, nur nicht von jedem. Ich hatte bisher immer den Anspruch an mich, dass, wenn ich eine bereits bekannte Location nach fotogra­fiere, dass ich es anders machen werde. Meinen Au­genblick festhalte, meinen persönlichen Lieblingswinkel oder Lieblingsplatz finde. Aber es wurde zunehmend schwerer, und das nicht nur in meiner Homebase Köln, sondern auch auf Photowalks in Dresden, Frankfurt, Hamburg, Dortmund oder sonst wo.

Einer meiner letzten Photowalks war mit Off Perspective in Marburg. Dort hatte ich enorm viel Spaß mit meinen Freunden Sabine, Daniel und Stefan. In Marburg fiel es mir anfangs aber auch schwer, etwas zu sehen, was ich unbedingt fotografieren wollte. Der Austausch und die Gespräche auf solchen Walks haben einen viel höheren Stellenwert bekommen als das Fotografieren. Es ist immer eine schöne Zeit und ich merke dann aber auch, dass ich teilweise neidisch werde, wenn ich sehe, wie Daniel schnellen Schrittes davon prescht, um etwas zu fotografieren. Oder Stefan zurückfällt, weil er so vieles sieht und fotografiert. Bei Sabine denke ich oft: Was fotografiert sie denn da und ich selbst sehe es einfach nicht. Dabei zeigt Sabine mit ihren Bildern, dass sie ein ganz großartiges Auge für Situationen hat oder das Zusammenspiel von Licht und Schatten hervorragend einfängt. Ich hingegen denke, dass ich festgefahren bin.

Ähnlich wie mir geht es auch anderen Fotografen. Ich denke da an Thomas Leuthard, der damals schon ein Vorbild und auch ein Freund für mich gewesen ist und natürlich immer noch ist. Er hat für sich entschieden, dass die Streetfotografie für ihn tot ist, und so hat er dann auch komplett damit aufgehört, sie zu betreiben. Oder mein lieber Freund Jan Wenzel, der so großartige Bilder gemacht hat. Auch Jan sieht nichts mehr und hat keine Motiva­tion. Bei den letzten Photowalks kam er auch immer wieder mit, machte aber meist nur noch das Gruppenfoto und verließ den Walk mittendrin, weil er teilweise noch nicht einmal mehr die Kamera aus der Fototasche geholt hat. Jan sagte mir mal in einem Gespräch, er würde sich wünschen, dass das Brennen für die Street­fotografie bei ihm wieder zurückkäme, denn er hat es immer sehr gerne gemacht. Er wird es aber immer wieder versuchen, aber aktuell ist das Feuer erloschen.

Genau so und nicht anders ist es eben bei mir auch, allerdings nur in Bezug auf das „Sehen“. Ich fahre immer noch gerne auf Walks und liebe es, zu den Treffen von Off Perspective zu fahren. Der Austausch mit Euch auf den Walks macht mir unheimlich Spaß und liegt mir auch sehr am Herzen. Auch den neuen Streetfotografen auf diesen Walks etwas zu zeigen, sei es einen Spot oder die Herangehensweise, macht mir unheimlich viel Spaß. Hinzu kommt, dass man unheimlich interessante Leute kennen­lernt und diese teilweise auch zu richtigen Freunden werden. Wenn ich an all das denke, dann finde ich, dass die Fotografie und vor allem das Genre Streetfotografie so un­glaublich vielfältig und groß ist. Ein Hobby, das nicht nur mit großartigen Motiven und Bildern fesselt, sondern auch mit seiner Community. Zumindest hier in Deutsch­land.

Ich hoffe, dass die Lust und das Brennen von damals nochmals wieder in mir auf­kommt, auch wenn ich derzeit wenig Hoffnung habe. Ich werde aber weiterhin die Walks in Köln organisieren, sobald es die doofe Pandemie wieder zulässt und man die Teil­nehmer auch keinen gesundheitlichen Risiken aussetzt.

Auch freue mich weiterhin darauf, interessante Menschen und gute Fotografen ken­nenzulernen. Hier fällt mir gerade Philipp Meiners ein, den ich im Juli in Köln kennen­lernen durfte und dessen Bilder mir unheimlich gut gefallen. Bei dem Austausch in Köln entstand dann auch die Idee, ihn nach seinem ersten Jahr auf der Straße zu interviewen. Dieses Interview findet Ihr auch in dieser Ausgabe.

All das macht mich unheimlich glücklich und lässt mich immer mit der Streetfotografie verbunden sein, auch wenn ich nicht mehr viele Bilder mache.

Aber muss man viele Bilder machen? Muss man jeden Tag oder jede Woche ein Bild hochladen? Ich denke nein. Viele bekannte Fotografen aus unserem Genre posten vielleicht einmal im Monat ein Bild oder noch seltener. Hier weiß ich nicht unbedingt, ob sie oft zum Fotografieren rausgehen oder nicht. Aber das alles ist egal, solange man doch selbst glücklich ist. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich aktuell die Motive nicht mehr so sehe, als dass sie mich selbst ansprechen und dass ich auch sehr viel weniger rausgehe zum Fotografieren. Ich kann allerdings auch sagen, dass ich, wenn ich mal mit der Kamera rausgehe und Freunde treffe, ich immer viel Spaß habe, auch wenn ich kein Foto mit nach Hause bringe. Ab und an ist also auch bei meiner momentanen Einstellung zur Fotografie noch etwas dabei, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich auf einmal wieder Motive sehe, die mich persönlich ansprechen.

Denn IHR da draußen zeigt mir mit Euren Bildern so oft, dass es gute und anspre­chende Motive gibt.

Man muss sie nur sehen…

In diesem Sinne bleibt gesund und passt auf Euch auf. Ich freue mich auf Euch bei den Walks und auf Eure Bilder.

Euer Reiner

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6 Kommentare

  1. Avatar
    Jürgen Warschun
    7. Dezember 2020
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    Solche Fotografen wie Thomas Leuthard (oder Zack Arias, oder Martin U Waltz, oder so …, also Fotografen mit 100k+ Followern), stehen ja unter enormem Druck, immer wieder etwas für die Nachfolger produzieren zu müssen … da sind drei Monate Denk- und Kreativitätsblockade sicher schon eine kleine Katastrophe.
    Ich hatte dieses Jahr zweimal solche Blockaden. Zuerst als es mit Covid-19 anfing. Deshalb bin ich im April und Mai wochenlang jeden Morgen von fünf bis sieben Uhr mit einer DSLR mit billiger Lensbaby Muse Plastic Optic losgezogen. Jetzt im Spätherbst hatte ich wieder keine Ideen. Habe mir daraufhin eine 3.7 Megapixel Plastikknipse und eine Instax Mini zugelegt. Jetzt läuft’s wieder. Kaum zu glauben, wieviel Spaß das Fotografieren damit macht. Man braucht meiner Meinung nach ab und zu eine andere Sichtweise, und das fällt zumindest mir leichter mit einer anderen Brennweite, einem anderen Bildlook out of the cam, und je schlechter die Bildqualität, desto besser. Dann konzentriere ich mich nämlich auf das Motiv, und nicht auf die Schärfentiefe, den Kontrastumfang oder sonstige “Qualitäts”-Merkmale.

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    7. Dezember 2020
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    Sehr gutes Thema, ich weiß nicht ob das jeden trifft, ich hatte manchmal das Gefühl, wenn ich eine Situation gesehen habe, dass ich nicht einfach hingelaufen bin, weil ich so eine Situation schon hatte. In manchen Fällen wäre es besser gewesen doch noch mal hinzugehen, weil man mehr aus dem Foto rausholen könnte. Ich habe das in meinem Projekt 365 Tage gemerkt, die Hälfte des Jahres bin ich durch Dortmund gegangen, am Ende hatte ich alle Straßen durch und musste immer weiter aus der Stadt raus, weil ich nichts mehr gesehen hatte. Am Ende des Tages brauchte ich ein Foto für das Buch und habe alles fotografiert was ich gesehen habe, als ich Zuhause war musste ich zwischen all den Fotos ein Foto raussuchen. Da hatte ich dann gemerkt, dass ich Betriebsbild werde. Es hat mir immer noch Spaß gemacht, aber die Begeisterung war nicht mehr da. Mir fehlten auch die Gespräche mit anderen. Ich denke diese Zeit macht jeder durch, ich hoffe es kommt bald wieder zurück zu dir.

  3. Avatar
    6. Dezember 2020
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    p.s. ich hatte im vergangenen september einen workshop bei einem “ganz grossen”! neben workshop & gemeinsam walken haben wir uns sehr persönlich austauschen können … ich nenne seinen namen nicht, da ich nicht weiss, ob er dies möchte … seit april in diesem jahr, hatte er so eine “krise” … jetzt – seit 2 wochen – ist er wieder da & das merkt man seinen bildern an … jk

  4. Avatar
    6. Dezember 2020
    Antworten

    hallo reiner,
    chapeau für deinen artikel … sich “outen” heisst stark sein & das ist schon fas die ganze miete … da ich ja deutscher bin, beobachte ich die deutsche street photography szene gut, neben der in spanien & natürlich auch intenational. ich kann da mal aus meiner erfahrung sprechen: da man für etwas beginnt zu brennen, durchläuft man verschiedene phasen … die begeisterungsphase, die know how phase, die lernphase, die ausprobierphase … bis hin zur “immer mehr selbstkritischer” phase … d.h. man möchte sich nicht wiederholen, anders, erkennbarer werden! das ist sehr schwierig & man muss sich neu definieren ohne das alte zu verlassen, denn darauf baut es sich auf … es gibt nicht viele “künstler”, de das schaffen … es sei mir erlaubt ein beispiel zr verdeutlichung in der musik zu geben: madonna! ohne wirklich ein fan ihrer musik zu sein, ist sie ein beispiel dafür, sich über 40 jahre immer wieder neu definiert zu haben … mein persönlicher ratschlag: gib dir zeit, lass los & bewerte die (street)fotografie neu … keine eile, es wird kommen! schlussendlich gebe ich pia recht, dass die situation z.z. erschwerend hinzu kommt & wir wahrscheinlich alle in der zukunft umdenken müssen … in diesem sinne … wohlauf herzlichst jfk

  5. Pia Parolin
    6. Dezember 2020
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    Hallo Rainer,
    danke für deinen offenen Brief im neuen Soul of Street Heft. Ich identifiziere mich sehr mit dem was du beschreibst. Und ich habe schon oft darüber nachgedacht, was es damit auf sich hat. Ich kenne es auch aus der Wissenschaft – irgendwann will man nicht mehr, es ist vorbei mit den leichten Momenten und vielleicht auch der Illusion, der Idealisierung. Es wird verkrampft und macht einfach keinen Spaß mehr.

    Entscheidungen wie die von Thomas Leuthard haben mich ziemlich getroffen, ich fand es schade und traurig, dass er aufgehört hat. Aber Thomas ist vielleicht auch speziell, sehr determiniert, ich habe ihn nie selbst kennengelernt ausser in seinem podcast.

    Aber ich weiß eine Sache: 2020 ist kein normales Jahr. Bei mir ist es eine depressive Stimmung, obwohl alle gesund sind und ich viel Glück habe mit allem was um mich herum ist. Aber – wie ich in dem Artikel in Heft 31 schrieb, leide ich doch irgendwie unter dieser Pandemie, unter der fehlenden Freiheit und Normalität. Das hat alles auf die Spitze getrieben, was vielleicht ohnehin schon im Keim da war. Aber vielleicht wäre es einfach im Keime erstickt, dieses lähmende deprimierende Gefühl, das die Lust an allem wegnimmt, selbst am Fotografieren. Mit der gleichzeitigen Tristesse – gebunden an politische Entwicklungen siehe Trump, an ökologische Entwicklungen weltweit und jetzt eben auch noch dieses Eingesperrt sein – da kommt wohl doch eine wirkliche leichte Depression zum Vorschein? Eine Foto Depression?

    Vielleicht müssen wir einfach abwarten, dass die Pandemie und der Winter vergehen und der nächste Frühling bringt ganz von alleine die gewünschten Gefühle und die Begeisterung wieder zurück.
    Es gehört auch immer mal dazu, dass man sich im Kreis dreht und nicht mehr weiterkommt, und wenn dann vieles zusammenkommt, wie eben jetzt, dann ist das eben so.

    Jedenfalls wünsche ich dir, dass das alles schnell vorbeigeht und du wieder richtig Kraft und Freude in der Fotografie tanken kannst.

    Ganz herzliche Grüße, an euch alle
    Pia

  6. Gerald Prechtl
    6. Dezember 2020
    Antworten

    Hi Reiner!
    Hab gerade deinen Artikel in der SOS gelesen. Macht einen schon ein wenig traurig, v.a. wenn dann doch irgendwie durchkommt, dass es dich beschäftigt und du nicht unbedingt glücklich damit bist… ich glaube, jeder von uns kennt solche Phasen, mal länger, mal kürzer und je länger man da bei ist, umso häufiger hatte man wohl schon damit zu tun. Ich bin mir sicher, dass es keine Standardrezept dagegen gibt oder auch braucht – wie du schon sagst, letztlich geht es nicht darum zwanghaft abzuliefern, sondern Freude an dem zu haben, was man tut… hier in Nürnberg bist du jedenfalls jederzeit willkommen, egal ob du ein Bild machst oder nicht – es reicht auch einfach nur ein Bierchen (Kölsch kannst du hier allerdings vergessen…
    Wünsch dir was

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