meet&street: Das Treffen der Streetfotografie-Szene


M&s Gruppe
M&s Gruppe

Hannover, 09. Juli 2022: Kehrt da etwa wieder Normalität ins Leben zurück? Ich denke ja.

Während des ersten Lockdowns planten die Streetfotografen Gerald Prechtl aus Nürnberg und Stefan Lauterbach aus Frankfurt ein Treffen der deutschen Kollektive, das im Juli 2021 tatsächlich stattfinden konnte. Streetfotografierende aus ganz Deutschland und der Schweiz machten sich letztes Jahr auf nach Frankfurt. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung. Uns war schnell klar – das darf keine Eintagsfliege werden! So wurde an dem Tag kurzerhand beschlossen, das Treffen der Kollektive jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfinden zu lassen. Schnell wurde die „Unposed Society Hannover“ als nächsten Ausrichter für das Jahr 2022 auserkoren.

Letzten Monat war es dann so weit. Am 9. Juli 2022 trafen sich erneut die deutschen Streetfotografie Kollektive wie geplant in Hannover. Natürlich waren befreundete „kollektivlose“ Fotografen und Fotografinnen genauso willkommen. Und wie bereits in Frankfurt stand neben dem gemeinsamen Fotografieren auch dieses Mal am Ende des Walks eine (Guerilla-) Ausstellung im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Die „meet & street“ getaufte Veranstaltung fand schon im Vorfeld viel Resonanz in den regionalen Medien in und um Hannover. Die eigens dafür gegründete WhatsApp Gruppe wuchs rasant auf über 100 Mitglieder, deren Telefone ab Freitag heiß liefen. Man tauschte Reisepläne und Ankunftszeiten aus, verabredete sich für einen Kaffee oder Fotowalk und heizte so die Vorfreude an. 

Polaroids m&s
© Britta Kohl-Boas

Dieser Zusammenhalt ist unglaublich schön. Alle teilen ein Hobby, und alle freuen sich auf ein Wiedersehen oder Kennenlernen. Netzwerken wird in der Streetfotografie-Szene oft größer geschrieben als Fotografieren. Wobei das das Fotografieren natürlich nicht zu kurz kommt und sogar von dem Motivationsschub der Gemeinschaft profitert. 

Für uns von Soul of Street begann die Reise Samstagmorgen mit dem schrillen Klingeln des Weckers um fünf Uhr.

Gegen 10:30 Uhr erreichten wir Hannover, konnten sofort einchecken und waren einsatzbereit. Also die Kamera schnell um den Hals und ab zum gegenüberliegenden Sammelpunkt, dem Opernplatz. Leider haben wir die Ansprache der Organisatoren von der „Unposed Society Hannover“ knapp verpasst, aber wir kamen rechtzeitig zum Gruppenfoto. Timing ist alles!

© Sascha Vogel
M&s Gruppe
© Sascha Vogel

Nach dem Gruppenfoto folgte ein großes Hallo, die Freude über bekannte Gesichter und das Vergnügen, neue Gesichter zu entdecken.

Es bildeten sich mehrere kleine Gruppen, die sich in alle Richtungen in Bewegung setzten. Einige steuerten den Hauptbahnhof an, andere gingen zum Güterbahnhof und wieder andere besuchten lieber den Trödelmarkt. Bei unserer Entdeckerfreude half uns die Liste mit interessanten Spots, die die „Unposed Society“ uns im Vorfeld zur Verfügung gestellt hatte. 

Als zweiter Treffpunkt wurde der Feinkiosk „Gottfrieds“ am Holzmarkt ausgeschrieben. In der Zeit von 13:30 Uhr bis 15:00 Uhr konnte man dort weiter netzwerken, sich etwas stärken und dann in den alten oder neuen Gruppen nochmals durch die Straßen ziehen.

Gegen 17 Uhr war es dann soweit. Die Fotograf*innen trafen sich zum zweiten Mal an diesem Tag am Opernplatz, um die eigentlich wilde „Guerilla“ Ausstellung vorzubereiten. 

Leider hatten sich vorab ein paar Hürden ergeben, die die „USHis“ bravourös überwunden haben. So war die Veranstaltung mit der Stadt Hannover und dem Land Niedersachsen abgesprochen. Als klare Vorteile resultierten daraus reichlich Berichterstattungen in den lokalen Medien und die Tatsache, dass wir alle unsere Bilder an einen mit schwarzem Stoff bezogenen Bauzaun auf Hannovers größtem Platz aufhängen konnten.

Was sich in der Theorie einfach anhört, entpuppte sich in der Praxis als Geschicklichkeitsspiel. Bei starkem Wind und schwachen Klebern wurde das Hängen zur Zitterpartie. Einige Fotografen packten Ihre Bilder in Klarsichthüllen und nähten diese fest, andere versuchten es mit Patafix.

© Sascha Vogel

Es war sehr schön mit anzusehen, wie schnell sich die bereitgestellten Flächen füllten und wie viele Passanten innehielten, um die Bilder zu betrachten und einzupacken.

Genau das war der Gedanke hinter der Ausstellung. Fotograf*innen zeigen ihre Arbeiten und Interessierte können diese Bilder gegen eine freiwillige Spende mitnehmen. 

In Hannover hatte man dazu aufgerufen, dass jeder, der ein Bild mitnimmt, einen für ihn angemessenen Betrag vor Ort an die Zeitschrift „Asphalt“ spendet. „Asphalt“ ist ein Obdachlosenmagazin, dass Obdachlose selbst für 1,10 Euro erwerben und anschließend für den festgeschrieben Preis von 2,10 Euro weiterverkaufen. Somit verdient der Obdachlose an jedem Magazin 1 Euro plus Trinkgeld und kommt mit den Menschen ins Gespräch. Da dieses Prinzip den obdachlosen Menschen so viel bringt, findet man in vielen Städten Deutschlands ähnliche Systeme. In Köln ist es z.B. der „Draussenseiter“.

Jens, ein Verkäufer vom „Asphalt“, freute sich bereits nach wenigen Minuten über seine leere Tasche. Auch die Redaktion vom „Asphalt“ war vertreten und hatte eine Spendenbox bereitgestellt.

Diese füllte sich sehr schnell, die Wände wurden rasch leerer, und über 200 Besucher spendeten etwas. Die Aktion kam bei den Menschen gut an, viele sicherten sich ein Foto, und ließen sich direkt vor Ort die Geschichten und Hintergründe ihrer neuen Bilder von den Fotografierenden aus erster Hand erläutern.

Am Ende kamen satte 1.119,60 Euro zusammen, die zu 100 Prozent an die Obdachlosen in Hannover gehen. Wahnsinn!

Das „meet & street“ hat somit einen neuen Charakterzug erhalten, der bei den künftigen Treffen unbedingt beibehalten werden soll: mit unseren Bildern Gutes tun. Getreu dem bekannten Motto vieler Streetfotografie-Veranstaltungen „Von der Straße – für die Straße“.

Gegen 20 Uhr wurde die Ausstellung beendet. Viele helfende Händen trugen dazu bei, dass alles schnell abgebaut und aufgeräumt war. Anschließend ging es ins Hotel, um sich frisch zu machen, und – weitaus wichtiger – weiter an die Hotelbar, da fast alle Fotograf*innen im selben Hotel untergebracht waren.

Hier wurde getrunken, weiter fotografiert, man unterhielt sich und schmiedete weitere Pläne. Über den Tag, die Ausstellung und unser Hobby. Die Streetfotografie.

Gegen 2 Uhr am Morgen endete dann das zweite „meet & street“. Am Sonntag trafen sich noch kleinere Gruppen zum weiteren Fotografieren, andere machten sich lieber früh auf den Heimweg, da sie teilweise 800km weit angereist waren.

Das nächste Treffen ist auch bereits in trockenen Tüchern. Die Streetfotografie-Community trifft sich am 8. Juli 2023 in Nürnberg auf Einladung des „Nürnberg Unposed Collective“ zur Wiederholung des „meet & street“.

© Sascha Vogel

Ein ganz großes Lob geht an die „Unposed Society Hannover“ für die Planung, perfekte Organisation und Gastfreundschaft! 

Nürnberg, wir kommen!!!

 

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