Verlasse deine Komfortzone


Aus gegebenem Anlass – ich war Teil eines Jungesellenabschieds – hatte ich Mitte April folgende Frage im Kopf: „Wie soll ich als Streetfotograf auf einem Jungesellenabschied in Edinburgh professionell fotografieren? Das konnte doch nichts werden,“ dachte ich. Aber gut, Ich bin ja prinzipiell offen für alles, sodass ich mich auch gerne dieser Herausforderung stelle.

Um nicht zu viel mit mir rumschleppen zu müssen, packte ich für die drei Tage nur eine abgespeckte Fotoausrüstung ein: die kleine Panasonic GF7 und das 12-32mm Kit. Das sollte für die Dokumentation des Jungesellenabschieds ausreichen. Dass Edinburgh für Fotografie prädestiniert ist, war mir natürlich bekannt. Es gibt dort viele interessante Motive, verrückte Menschen, schöne Architektur und Szenen, die man so in Deutschland nicht oder nur selten erlebt. Das wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, aber trotzdem hatte ich noch Zweifel: von morgens bis spät in die Nacht alkoholisiert fotografieren? Kann das gut gehen? Keiner der Jungs würde auf mich warten – das konnte ich vergessen!

Mitte April saß ich dann schließlich im Flieger nach Edinburgh, zusammen mit dem zukünftigen Bräutigam und seinen 13 anderen Freunden. Die Stimmung war ausgelassen und ich war positiv gestimmt, dass die nächsten drei Tage voller Überraschungen stecken würden.

In Edinburgh angekommen wurde ich dann erst einmal von all den Motiven, die sich mich darboten,  regelrecht erschlagen – aber im positiven Sinne. Sofort war für mich klar: Hier muss ich noch mal hin, um mich nur auf die Straßenfotografie konzentrieren zu können; entweder alleine oder mit Gleichgesinnten.

Aber nun stand ich erstmal vor der Herausforderung, interessante Motive schnell einzufangen, ohne dass ich die anderen nerven oder aufhalten würde. Ich beschloss nicht weiter darüber nachzudenken, stellte die Brennweite auf 12mm und die Verschlusszeit von 1/320 fest ein. Die Blende durfte sich die Kamera aussuchen und ich fotografierte im Vorbeigehen einfach drauf los und machte sozusagen mein Ding. Ich hielt diverse Menschen, Szenen und anderes, was ich interessant fand auf der SD-Karte fest. Ich hatte keine Ahnung, was mich Zuhause am PC erwarten würde. Schließlich komponierte ich nicht, achtete weder auf abgeschnittene Füße noch Köpfe oder überhaupt auf irgendeine der (Street)-fotografie-Regeln.

Nach drei anstrengenden Tagen zurück in Dortmund angekommen, steckte ich die SD-Karte in den PC und startete Lightroom. Ich wollte zunächst erst einmal alle Fotos, die ich dokumentarisch für den Junggesellenabschied gemacht hatte, bearbeiten. Aber Plötzlich zog ein ganz bestimmtes Bild meine Aufmerksamkeit auf sich. Was war das denn für ein Foto in der Thumbnailansicht?, fragte ich mich verwundert. Es war krumm und schief, leicht verschwommen und hochkant fotografiert. Zudem waren die Beine der abgebildeten Person abgeschnitten. Aber trotzdem war es ein besonders interessantes Bild, aufgrund der Spiegelungen der Autos mit dem Fußgänger auf der anderen Straßenseite. Hinzu kam die Szene des alten Ehepaares an sich: die Dame guckt sich den Stadtplan an der Bushaltestelle an, der Mann schaut in unsere Richtung. Ich war total überrascht, solch ein interessantes Foto unter den ganzen Bildern zu haben. Diese Art der Fotografie war irgendwie außergewöhnlich und neu. Sofort hatte mich mein Ehrgeiz gepackt: diese Art der Fotografie wollte ich weiter ausprobieren.

“Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst.”

(Dalai Lama)

Ein paar Wochen verstrichen, in denen ich diese Art der Straßenfotografie in Dortmund und Köln tatsächlich weiterverfolgte. Bei jedem Start von Lightroom erwarteten mich Hunderte von Fotos, die mich jedes Mal überraschen. Klar, viele landeten im Papierkorb, ich ärgerte mich und war wütend darüber, wie ich diese Szene so versauen konnte. Teilweise war das Motiv nicht mal auf dem Foto, sondern ich hatte einfach rechts oder links daran vorbei fotografiert.

Aber ich muss sagen, die Freude über die Fotos, die mir gefallen, überwiegt. Der Blickwinkel der 12mm hebt sich für mich einfach von allem ab, was ich vorher fotografiert habe. Das Hochkant-Format finde ich extrem passend.

Ich möchte allen Streetfotografen mit dieser kurzen Geschichte den Rat geben, immer „das eigene Ding“ durchzuziehen. Probiert Neues aus, holt Euch Inspiration von anderen und baut es bei euch mit ein! Aber: Lasst Euch nicht von anderen in eine Richtung drängen! 

„Standard-Street“ und meine Serie im Vergleich:

 

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2 Comments

  1. Bernd Linde und Birgit Rival-Linde
    Bernd Linde und Birgit Rival-Linde
    5. Juni 2017
    Antworten

    Hallo Daniel, Gratulation für die gelungenen Fotos! Edinburgh ist schon etwas besonderes, wir haben Verwandte dort und sind jedesmal begeistert: von den Motiven, den freundlichen Schotten, der Altstadt, die auf dem Berg liegt und der Neustadt, die im 18. Jahrhundert erbaut wurde!
    Also: begeistert!

  2. Hey Daniel. Regeln ignorieren, brechen kann sehr bereichernd sein und deine 12mm Bilder sind schon erfrischend (und) cool.

    Liebe Grüße. Ernst Wilhelm
    Nebenbei: Bei manchen Bildern hatte ich mir etwas Überbelichtung gewünscht.

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