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Faszination Streetfotografie

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Streetfotografie kann so viel bedeuten. Jeder interpretiert es anders und alle haben wahrscheinlich recht. Mir ist es wichtig, den Menschen und den Alltag zu zeigen. Egal wo, ob im Park, im Bus, im Museum, im Shoppingcenter oder sonst wo, es muss nicht die Straße sein. Wenn man sich als Neuling der Streetfotografie zuwendet, dann macht man sich wahrscheinlich zu viele Gedanken, anstatt einfach loszulegen. Da ist die Angst vor dem Fotografieren fremder Menschen in der Öffentlichkeit. Ist meine Kamera geeignet und welche Einstellungen wähle ich?

"Geduld ist bitter, aber ihre Frucht schmeckt süß"

( Jean-Jacques Rousseau )

Heute gebe ich ein paar Tipps aus meinem Nähkästchen. Als erstes geht raus und macht Fotos! Und üben üben üben! Habe Geduld und gehe mit offenen Augen und einem extremen Weitwinkelblick durch die Stadt. Ich möchte euch sensibel machen für emotionale und entscheidende Momente, für Details im großen Ganzen, für Geometrie und für Gegensätze jeglicher Art.

Wenn ich einen guten Platz sehe, dann versuche ich die Szene zu lesen. Was könnte passieren? Wie ist das Licht? Wo laufen die Menschen lang usw. Dann “robbe” ich mich in die Szene, erkunde verschiedene Positionen, Winkel, Licht … wähle ggf. die Linse und die Kamera-Einstellungen. Mein Tipp: Die Einstellung “P” funktioniert fast immer prima, besonders dann, wenn es schnell gehen muss. Und das ist bei der Streetfotografie regelmäßig der Fall.

Wenn du jetzt mit deiner Kamera losgehst, die du bestenfalls sogar bedienen kannst, was ist dein Ziel, was suchst du? „The decisive moment“ war eine von Henri Cartier-Bresson geprägte Phrase. Er war einer der frühesten Pioniere der Streetfotografie. „Der entscheidende Moment“ ist dann, wo alles in einem perfekten Timing zusammenkommt und genau dann drückst du den Auslöser. Genau das geschieht aber sehr selten und ich verrate kein Geheimnis, dass Kameras mit Serienbildfunktion sehr hilfreich sind. Wenn du eine spannende Szene siehst, dann lass den Auslöser gedrückt und schieße gleich mehrere Fotos, statt nur eines. Der entscheidende Moment findet sich dann im Gesichtsausdruck, in einer Geste, einer Handlung oder er liegt in der Bewegung. Sogar Henri Cartier-Bresson hat massig Fotos von einer Szene gemacht. Dann hat er später nur das beste Bild bearbeitet und entwickelt. Ich habe mir eine Serie aus dem Vasa-Museum in Stockholm ausgesucht, wo das Robben an und in die Szene verdeutlichen möchte. Es waren mehrere Anläufe und Personen nötig, bis endlich genau die entscheidende Person, in richtiger (gewünscht komponierter) Richtung und deren Silhouette im Kreis optimal rein lief. Zum Schluss habe ich das Bild noch in schwarz-weiß gewandelt und die Ränder passend beschnitten.

Ich zähle hier auch die sogenannte Candid-Fotografie hinzu. Sie beschreibt die Kunst, spontane Aufnahmen zu machen und unbemerkt aus dem Moment heraus zu fotografieren. Das erfordert Mut! Man muss die Szene schnell erfassen, aber trotzdem nicht eingreifen oder stören. Bestenfalls schaut die Person – ungestellt (kein Posing) aus der Situation heraus – genau in die Kamera. Dies kann Glück, Schmerz, Traurigkeit, Wut, Einsamkeit, Humor, Angst oder Liebe sein. Starke Emotionen im Gewühl der Stadt zu finden, ist schon schwer genug. Und dann musst du schnell sein, um das Foto zu knipsen, bestenfalls bevor die Leute dich bemerken.

In der Pariser Metro ist mir ein toller emotionaler Moment mit dem farbigen, alten Mann geglückt. Auch das streitende Pärchen in Stockholm, sowie die Dame aus München mit Blick in die Zeitung einen Tag nach dem Amok-Lauf vom letzten Sommer, gefallen mir echt gut.

Wenn du unterwegs bist, kannst du auf kleine Details achten. Dies bedeutet, anstatt ein Ganzkörper-Foto von jemandem auf der Straße zumachen, konzentriere dich auf Hände, Gesicht, Ohrringe, Füße oder irgendetwas anderes, was sie mit sich tragen. Indem du weniger von dem zeigst, was eigentlich da ist, schaffst du mehr Rätsel in deinem Bild. Weniger ist oft mehr.

Ich glaube nicht, dass die Streetfotografie unbedingt immer Menschen einbeziehen muss, aber die Interaktion finde ich persönlich sehr wichtig. Manchmal kann man städtische Ansichten zeigen, die z.B. den Zustand der Gesellschaft zeigt. Oder eine Szene, die irgendwie ein Gefühl von Nostalgie, Emotionen oder gesellschaftlicher Kritik auslöst. Drei Beispiele habe ich hier für euch, diesmal mit Menschen im Konsumrausch (Foto aus Roermond), in der Not (in Paris) oder als „Außenseiter“ bei den letzten Kanzlern Schmidt, Kohl, Schröder und Merkel auf dem Foto von Andreas Gursky.

Die Straßenfotografie lebt von starken Bilder durch besondere Kontraste. Kontraste im Sinne von Gegenüberstellungen (auch Juxtaposition), dass man zwei verschiedene Elemente im Bild komponiert, die sich gegenseitig widersprechen. Hilfreich ist es, wenn man erst einen interessanten Hintergrund sucht (z.B. ein Werbeplakat) und dann auf einen Menschen wartet, der die Werbebotschaft unterstützt oder auch widerspricht. Beides kann interessant sein. Unten ein Foto aus der Peter Lindbergh Ausstellung in der Kunsthal Rotterdam.

Nicht alle Streetfotografien müssen emotional sein

Viele finden Bilder mit geometrischen Elementen sehr ansprechend. Diese Bilder werden richtig komponiert, d.h. man achtet auf eine tolle Lichtführung mit Licht und Schatten, sie haben starke diagonale Linien, führende Linien, Kurven und Formen. Mein Foto, welches auch mit sehr viel Geduld entstanden ist, stammt aus dem Klimahaus in Bremerhaven.

Der Autor Thomas Füngerlings ist Fotograf, Blogger (wöchentliches weekly), Online-Editor und Administrator beim EYEPhotomagazine.
Mehr von ihm findet ihr hier: https://www.thomas-fuengerlings.de

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