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Ohne Wohnung – Mit Würde

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Fotografien von Obdachlosen am Rande unserer Gesellschaft.

„Ich habe ein Bild von ihm gemacht aber ich habe kein Bild von ihm“. Recht häufig werden Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben, von Streetfotografen mehr oder weniger kunstvoll fotografiert und ins Rampenlicht von vielen Communities, Ausstellungen und Büchern gesetzt. Sie haben ein manchmal anspruchsvolles Foto gemacht, kennen aber meist ihren Protagonisten nicht, seinen Namen nicht, seine Vita nicht, seine Wünsche nicht, sie haben in Wirklichkeit kein Bild von ihm aber ein Foto. Spiegelt dieses Foto den Menschen in seiner Persönlichkeit wider oder geht es lediglich um ein „Objekt“, das in einer für das Foto und seine Aussage „attraktiven“ Umgebung festgehalten werden soll?

Meine persönliche Antwort zu obiger Fragestellung möchte ich hier am Beispiel des Kölner Obdachlosen Hans-Albert Zehnpfennig, alias Ali erzählen.

Ali lernte ich Anfang 2010 in der Nähe des Römisch-Germanischen Museums auf einer meiner Fototouren kennen. Er hatte dort seinen Stammplatz, der aus einigen Schlafsäcken, Decken sowie diversen Vorratsbehältern für Essen und Getränke bestand. Häufig war auch seine Freundin Ramona aus Goslar dabei. Ali und Ramona wirkten auf mich stets wie ein „altes“ Ehepaar, das sich lautstark zankte und dann wieder liebevoll kuschelte.

Ali ( in Köln geboren, Jahrgang 1957) lernte die Straße bereits mit 14 Jahren kennen. „Ich war vierzehn und hatte Stress mit den Eltern. Meine Mutter hatte 24 Kinder und da hält man es nicht mehr lange zu Hause aus. Einmal war ich außerhalb, in München, das war schrecklich und ich bin schnell wieder nach Köln zurück“. Manchmal war auch Ramona bei unseren Gesprächen dabei und sie erzählte ihr Leben. „Ich habe mich früh von der Familie abgekapselt, inzwischen sind alle gestorben, ich habe noch eine Tochter, die lebt ihr eigenes Leben. Drogen und Alkohol, das muss meine Tochter nicht miterleben. Ich mache jetzt mein Ding und irgendwann komme ich auch wieder auf die Beine.“

„Hartz IV haben wir immer gehasst, darauf haben wir keinen Bock, wir wollen unabhängig bleiben. Wir schnorren und können davon leben, nicht gut aber wir können leben. Manchmal hatten wir eine Wohnung, immer nur für kurze Zeit und dann zog es uns wieder auf die Straße und wir machten „Platte“. Man ist dann unabhängig und sein eigener Herr.“ Mit den Passanten kam Ali ganz gut aus. Manchmal wurde er angemacht, „geh doch endlich arbeiten“ oder er schimpfte etwas über Fotografen, die ihn oder sie ungefragt fotografiert hatten. Einige Male war er auch hinterhergelaufen und wollte ihm eine scheuern, hatte es aber irgendwann aufgegeben.

Wünsche fielen Ali zunächst nicht sofort ein. Das Essen holte er sich im Gulliver am Hauptbahnhof, es war ausreichend und gut. Toiletten gab es im Museum oder am Rhein. Schräg gegenüber von seinem Stammplatz am Museum gab es das Exzelsior Hotel Ernst. Da würde er so gerne einmal für einen kurzen Moment Gast sein, sein einziger Wunsch, den er für mich hatte. Am 2.August 2011 war es dann soweit. Ich hatte für Ali einen Fototermin in der sehr teuren Exzelsiorsuite organisieren können, das Management des Hotels war sehr hilfsbereit und wir ließen es uns für eine Stunde in diesen Räumlichkeiten richtig gut gehen.

Ali genoss diesen für ihn unvergesslichen Aufenthalt, las ganz entspannt den Kölner Stadtanzeiger und schien hier zu Hause zu sein, bis er nach einer guten Stunde doch lieber wieder zu seiner Platte zurück wollte. Ramona verlangte natürlich einen Ausgleich, sie wünschte sich das Café Reichard, wo immer die schönen Frauen hingehen. Sie hatte sich für ihre Verhältnisse sehr schick gemacht und wir tranken zusammen einen Cappuccino, genossen eine Torte und philosophierten über Gott und die Welt, während Ali auf ihre Sachen am Museum aufpasste.

Wünsche von Obdachlosen wurden in der Folgezeit für mich ein Projektthema und ich konnte in den kommenden Monaten manchem Obdachlosen besondere Wünsche für DAS Foto seines Lebens erfüllen. Mein Thema für den nächsten Blog.

Am 26.April 2013 wurde Hans-Albert Zehnpfennig auf dem Kölner Nordfriedhof beigesetzt. Palmsonntag, es war lausig kalt gewesen, hatte man ihn und Ramona aus der Haupthalle des Kölner Bahnhofs hinaus geschmissen und vor die Tür gesetzt. Mit 58 Jahren erfror Ali neben seiner Freundin Ramona, die gerettet werden konnte. Am Grab spielten sich ergreifende Szenen ab. Ali teilte jeden Cent mit seinen obdachlosen Freunden, half mit Rat und viel Tat und hatte stets ein offenes Ohr für seine Mitmenschen. Zum Abschied stimmten seine Freunde ein Karnevalslied an, das sich Ali immer gewünscht hatte und es wurde auch etwas Alkohol auf sein Grab gegossen. Der allerletzte Wunsch von Ali.

Ein einziges Foto kann die Persönlichkeiten Ali und seiner Freundin Ramona nicht widerspiegeln. Für mich geht es bei meinen Menschen am Rande der Gesellschaft immer um den ganzen Menschen mit seiner Geschichte und seinen vielen Facetten, die häufig nur in einer Bilderserie oder im Rahmen eines Fotoprojekts erfasst werden können. Ich will damit keinesfalls hier die Streetfotografie mit ihren Momentaufnahmen kritisieren, mahne aber die Menschen am Rande unserer Gesellschaft nicht zu Objekten zu degradieren und sie als Staffage für eine „Fotografenkarriere“ zu missbrauchen.


Teil I  |  Teil II

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