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Chaos, Ordnung, Geometrie

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Bessere Streetfotos machen?

Chaos, Ordnung, Geometrie.

Als “unser aller Meister” Henri Cartier Bresson, gefragt wurde, was ein gutes Foto ausmacht, sagte er verblüffenderweise nicht “den entscheidenden Moment festhalten” oder “eine wunderbare Lichtstimmung einzufangen”, sondern: “Geometrie”.

Es gibt jede Menge Literatur zu Themen wie “Goldener Schnitt”, “Goldenes Dreieck”, “Goldene Spirale” (Fibonacci-Spirale), Drittelregel, Führungslinien, dazu jede Menge Regeln wie “Wenn sich jemand im Bild bewegt, muss vor ihm mehr Platz sein als hinter ihm” oder “Die Person sollte immer in Leserichtung, also von links nach rechts laufen”, und sonstige Regeln.

Diese Regeln sind meist aus der Malerei des Hochmittelalters abgeleitet, teilweise auch Designregeln für Leute, die Werbeplakate erstellen.

Das Leben in der Stadt ist aber kein arrangiertes Stillleben wie in der Malerei. Es geht “drunter und drüber”, es ist chaotisch, unübersichtlich. Viele Farben und Formen und Linien konkurrieren miteinander. Das lässt manche dieser Regeln fraglich bis unsinnig erscheinen. Sie zielen auf “Ordnung” ab, aber was wir sehen ist meist “Chaos”.

Das Chaos in der City vollkommen chaotisch und beliebig abzubilden und zu sagen: “So sieht das da eben aus” kann aber auch nicht das Ziel des Fotografen sein.

Welche Taktik also? Man kann einerseits nach dem Motto “Keep it simple” verfahren. Das ist klug und zudem eine der wichtigsten Regeln für gutes Design und klare Kommunikation. Oder man versucht, Herr des Chaos zu werden.

Der Brite Rupert Vandervell ist vielleicht das beste Beispiel für die “Keep it simple”-Taktik. Seine Bilder im Format 4:3 (er fotografiert mit Micro Four Thirds) sind schwarz-weiß und extrem reduziert auf sehr einfache Linien und Formen, in denen sich eine sehr gut freigestellte Person, oft eine Silhouette, befindet.

Das genaue Gegenteil sind die Bilder des Amerikaners Alex Webb. Sie sind knallbunt und voll mit Personen, die sich oben und unten, vorn und hinten, links und rechts im Bild befinden oder ins Bild hineinragen. Jedes bisschen Platz des Bildes wird ausgenutzt und mit einer Person, einer kleinen Gruppe von Menschen, einer Story belegt. Von Webb stammt das Zitat “In street photography 99% is about failure” … in der Streetfotografie misslingen 99% der Fotos. Kein Wunder bei so vielen sich bewegenden Elementen. Manchmal sind es spielende Kinder oder Personen auf einem Markt, also in Situationen, in denen es extrem schwierig ist, die Elemente für das Bild passend zu ordnen.

Beides, Bilder immer mehr zu vereinfachen und Bilder immer komplexer zu gestalten, sind interessante Herausforderungen an das fotografische Sehen sowie an die technischen Fertigkeiten im Umgang mit Belichtung und Auslösen im entscheidenden Moment. Es ist schwierig, das gibt ja selbst der Meister des Genres zu. Aber nicht unmöglich. Eine Kamera mit schneller Serienbildfunktion, 10 Bilder pro Sekunde, kann hilfreich sein, ist aber nicht zwingend notwendig.

Es lohnt sich, sich irgendwo in eine ruhige Ecke auf einem Marktplatz zu setzen, die Szenerie zu beobachten, und dann anzufangen, dieses Chaos zu strukturieren und festzuhalten: “Ich mache heute mal einen auf Alex Webb”. Es muss nicht, wie bei vielen Fotos von Alex Webb, in Haiti oder Mexiko sein: Webb hat auch sehr gute Fotos om Nordosten der USA oder an regnerischen Tagen in Istanbul gemacht.

Wenn’s zu viel Chaos wird: relaxen, die Ruhe suchen, klare Linien und simple Formen: “Heute bin ich mal Rupert Vandervell”. Auch hier muss es nicht Sonnenschein sein. Vandervell macht auch nachts Fotos. Man sucht sich dann geeignete Lichtquellen in der City, in einem Industriegebiet oder Hafen oder an einer vielbefahrenen Straße.

1 KOMMENTAR

  1. Sehr interessant Jürgen, schön dich hier entdeckt zu haben. Lg aus Deutschland Gilberto

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