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Streetfotografie – Mehr als nur ein Hobby

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Streetfotografie – Mehr als nur ein Hobby

Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, welche Motivation Dich dazu bringt, auf die Straße zu gehen und zu fotografieren?

Vielleicht beobachtest du schon immer gern, wusstest aber nicht, wie Du die visuellen Informationen verarbeiten kannst. Vielleicht spürst Du diesen inneren Antrieb – fast wie einen Zwang – der Dich dazu verleitet, das Gesehene zu speichern und mitzunehmen; diesem wahrgenommenen Augenblick einen Rahmen zu geben.

Was hat in Dir das Feuer entzündet?
An dieser Stelle möchte ich Dir durch meine Selbstreflexion für das Hobby – die Obsession – dieser Art von Fotografie mehr mit auf den Weg geben, als eine Ersatzbefriedigung für gelangweilte Minigolfer.

Meine Geschichte:

Seinen Kopf leicht in den Nacken gelegt, drehte er mit geschlossenen Augen sein Gesicht in die strahlende, wärmende Mittagssonne. Er saß dort am Wegesrand und wartete auf sein Taxi. Als Sitzgelegenheit fungierte sein Rollstuhl, die Kraft zum Gehen hatte ihm die Krankheit genommen – schleichend. Eine Decke spendete ihm die nötige Wärme. Es war im März des Jahres 2011. Ich stand neben ihm und konnte diese Minuten des Wartens mitverfolgen. Ich beobachtete, wie die Sonne in sein Gesicht schien, was er augenscheinlich genoss. Die Sonne – mein Vater liebte sie.

Diese Szene war meine Initialzündung. Ich wollte den starken Moment festhalten, ihn nie wieder loslassen. Ein greifbarer, tiefer Augenblick, der in der nächsten Sekunde wie Sand in den Händen zerrann. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit der Fotografie noch nicht viel am Hut. Damals gab es nicht viele dieser starken visuellen Momente mit meinem Vater; schöne Augenblicke, die ich aufsaugen und für immer in meinem Kopf behalten wollte, um sie auf Abruf anzusehen.

Die gewonnenen Erfahrungen der letzten Monaten im Leben meines Vaters, in denen ich ihn häufig begleitete, verliehen dem Wort Empathie plötzlich eine neue Bedeutung. Die erste Kamera kaufte ich mir wenige Wochen später. Bevor es dazu kam, durchlief ich in meinem Inneren einen intensiven Prozess. Ich begann, mein Umfeld genau zu beobachten. Ich filterte. Ich fragte mich, wie ich diesen aufrichtigen Momenten, die für mich auf einmal mehr waren als eine Variabel für verstrichene Zeit, einen Rahmen geben konnte?

Die Lösung lag in der vorangegangenen Frage: Für einen Rahmen benötigt man ein Bild. Um dieses Bild einzurahmen, brauchte ich eine Kamera. Ich bin kein Theoretiker. Daher fing ich auf dieselbe Weise an, die vermutlich viele andere Menschen wählen, welche zum ersten Mal eine Spiegelreflexkamera in den Händen halten: Loslegen, auf gut Glück!

Das Unheil erreichte wenige Monate später einen neuen Höhepunkt als meine Mutter erkrankte. In der Anfangszeit ihrer Therapie entstand meine Bilderserie „Ich bin nur die Begleitung„. Das, was ich in den letzten Monaten mit meinem Vater nicht machen konnte, weil es mir nicht bewusst war, wurde mir in dieser Zeit der Erkrankung meiner Mutter zuteil. Damals habe ich begonnen, im öffentlichen Raum zu fotografieren. Ich nahm auf eine andere Weise am Leben teil. Ich spürte, wie das Fotografieren meinem Kopf einerseits eine Pause vom Alltagsgeschehen einräumte, mir andererseits erlaubte, Kraft zu tanken.

Es erfreute meine Mutter stets aufs Neue, meine Bilder anzusehen. Ich konnte sie damit glücklich machen. Zeitgleich ergab ich mich dem Gefühl, et- was Glück erleben zu dürfen und, intuitiv nur von mir entdeckte Augenblicke, fotografieren zu können. Es war meine Möglichkeit, etwas zu erschaffen. Ich gestaltete aus Alltagssituationen Bildnisse, die das Leben dokumentierten, die Kunst sein konnten. Ich nahm Augenblicke wahr, die vielen anderen Menschen entgingen und hielt sie fest, sodass sie blieben.

Die Kamera wurde mein stetiger Begleiter. Ich trug sie auf dem Weg zur Arbeit bei mir, beim Einkaufen, sogar, wenn ich mit meinem Hund Gassi ging. Wenn ich keine Kamera dabei hatte, suchte ich permanent nach Motiven und sortierte sie in meinem Kopf. Ich machte mehrmals die Erfahrung, wie ärgerlich es war, wenn ich mit dem Gefühl nach Hause ging, einen bedeutenden Augenblick des Lebens nicht fotografiert zu haben, weil ich keine Kamera dabei hatte.

Heute beschreibe ich es gern so: Aus einer Leidenschaft entwickelte sich eine Passion, die zu einer Obsession geworden ist. Ich bin der Meinung, dass die Streetfotografie in ihren ganzen Facetten, ob dokumentarisch, Reportage oder die Kunst, die aus ihr entstehen kann, allen übrigen Bereichen der Fotografie weit überlegen ist.

Warum? Streetfotografie ist die gefühlvollste und ehrlichste Möglichkeit, die mir eine Kamera bietet. Sie gibt mir die Chance, mit meiner Gegenwart und der Vielzahl besonderer Augenblicke in Kontakt zu kommen. Im Februar 2014 begleitete ich meine Mutter nach Tarquinia, einer Stadt in Italien und Geburtsort meiner Mutter, in der ich als Kind mit meiner Familie viele Sommer am Meer verbracht hatte.

Nachdem seit meinem letzten Besuch 22 Jahre vergangen waren, erschloss sich mir die Möglichkeit einer kurzen emotionalen Zeitreise. Diese machte ich mir fotografisch zunutze. Ich konnte die Herangehensweise meiner Fotografie ausbauen und habe meine Mutter auf ihrer letzten Reise in ihre Heimatstadt neu kennengelernt. Ich fertigte Streets, in denen ich versuchte, meine Mutter motivisch einzubinden. Manchmal fotografierte ich sie ganz spontan, einige Aufnahmen sind ausschließlich in ihrer Anwesenheit entstanden.

Sie wurde unbewusst ein Teil von diesen Bildern. Nach unserer Rückkehr in Deutschland führte ich diese Art der Fotografie bis zu ihrem Tod im November 2014 fort. Rückblickend betrachtet war es mein Vater, der mir diese Form der Inspiration mit auf den Weg gab. Meine Mutter war der Mensch, der meine Vision weiterentwickelte. Der Weg vom Träumer zum Realisten beschreibt meine Art, mit der Vergänglichkeit des Lebens umzugehen. Meine Erfahrungen ließen in mir den Drang entstehen, etwas Künstlerisches zu schaffen; persönliche Momente, die einmal von Bedeutung sein können, festzuhalten.

Das gewisse Empfinden für die kleinen Dinge im Leben und der richtige Umgang mit ihnen sind ein Prozess der Reife. Mein Vater malte häufig Ölgemälde. Einen Monat vor seinem Tod begann er, wieder zu malen. Er beendete zwei Bilder, die er meiner Schwester und mir vermachte; sie kamen einer persönlichen Hinterlassenschaft gleich.

Die Streetfotografie – das Fotografieren im öffentlichen Raum – bietet Dir unendliche Möglichkeiten. Sie ist eine Galaxie voller unentdeckter Sterne. Streetfotografie bedeutet nicht, irgendetwas an irgendeinem Tag auf der Straße zu fotografieren. Sie bietet Dir die Chance, Dein eigenes Leben dokumentarisch festzuhalten.

Selbst, wenn es nur hinter der Kamera der Fall ist.

2 KOMMENTARE

  1. Sehr schön geschrieben Marc, ich finde diese Artikel sehr hilfreich. Als ich 2006 mit der Fotografie Anfing, hatte ich nicht gedacht, dass sich das in meinem Leben so Entwickelt. Die Motivation ist für mich, diesen einen Moment festzuhalten den ich sehe. Ich gehe auch nie ohne meine Kamera aus dem Haus.
    Danke für deine offene Art, etwas von deiner Familie zu Erzählen.

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