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Ohne Wohnung – Mit Würde

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Fotografien von Obdachlosen am Rande unserer Gesellschaft.

Meine Kamera habe ich zunächst im Rucksack, wenn ich das Gespräch zu einem Obdachlosen suche. Ich will ihn zunächst kennenlernen, bevor das Thema Fotografie eine Rolle spielt. Ich suche überwiegend das Einzelgespräch, das deutlich tiefergehend als in einer Gruppe geführt werden kann, zudem kann ich so gruppendynamische Entwicklungen vermeiden, die vielleicht aus dem Ruder laufen könnten. In der Regel habe ich die Obdachlose, den Obdachlosen länger beobachtet, manchmal auch über Tage, und gehe dann erst in ein Gespräch hinein. Türöffner sind z.B. Fragen nach dem „Wohnort“ Köln als tolle Stadt, nach dem Namen des Hundes etc. Ich duze meine Gesprächspartner zunächst nicht, und manchmal frage ich einfach, ob ich mich dazusetzen darf. Im Laufe des Gesprächs rede ich auch über die Fotografie und erzähle, dass ich regelmäßig für den Draussenseiter, das Kölner Strassenmagazin, fotografiere und eine kleine Geschichte zu einem Fotoportrait eines Obdachlosen in diesem Magazin erzähle. Bislang waren alle von mir angesprochenen Obdachlosen mit einem Foto einverstanden, und manchmal entwickelten wir gemeinsam eine Idee, wie ein „tolles“ Foto aussehen könnte. Oftmals entstehen diese Fotos erst nach einigen Gesprächen an verschiedenen Tagen bzw. Wochen und nicht immer sofort. Sehr oft höre ich dabei Beschwerden über Fotografen, die aus größerer Entfernung mit einem großen Objektiv auf sie draufhalten, wie auf Tiere im Zoo, und ungefragt fotografieren.

Geht man in die sehr umfangreiche Literatur der Streetfotografie, so findet man hier den Niederländer Jan Banning, der mit seiner Art der Fotografie auf Augenhöhe den Obdachlosen, die er im Süden der USA fotografiert hat, Stolz und Würde verleiht. Er zeigt nicht ihr Elend, obgleich er damit vielleicht noch spektakulärere Fotos bekäme. In diesem Umfeld sehe ich mich angesiedelt und versuche den Obdachlosen möglichst nahe zu kommen, ohne voyeuristisch zu sein, ein gutes Gefühl zu geben und sie vielleicht zu einem Lächeln zu bewegen. Diesen Ansatz sieht man auch häufiger bei dem weltreisenden Streetfotografen Eric Kim aus Los Angeles, der über die Soziologie zur Fotografie gefunden hat.

Zu den Fotos. Inzwischen habe ich etwas über 70 Portraits von Menschen am Rande der Gesellschaft erarbeitet. Darunter findet man alle möglichen Berufe, auch obdachlose Musiker. Karl, der Posaunist, war vor vielen Jahren ein begeisterter Jazzmusiker. Irgendwann wurden die Gigs immer weniger, immer weniger Menschen interessierten sich für den hotten Jazz und andere Musik wollte er nicht spielen. Das Geld wurde knapp, seine Beziehung ging den Bach hinunter, der Alkohol kam ins Spiel, die Wohnung war weg und nur seine Posaune hat bei ihm „überlebt“. Extra für mich holte er seine Posaune aus einem „Lager“, das er mir nicht verriet und spielte in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs ein kleines Stück eines langsamen Blues. Er brach bald ab, einige Tränen wurden sichtbar und er verabschiedete sich. Wochen später sahen wir uns wieder und ich erfuhr viele Höhepunkte und Abstürze aus seinem Musikerleben.

Der Mundharmonikaspieler verriet mir seinen Namen nicht. Er hatte damit schlechte Erfahrungen gemacht. Die Musik wurde schnell unser besonderes Thema. Folk und Country waren seine Welt und sind auch seine Therapie gegen den grausamen Alltag. Es geht um das tägliche Überleben, er will sich den Tag nicht wegtrinken, versinkt dafür in seiner Welt der Musik und manchmal spielt er nur für sich und sieht keine vorbeieilenden Passanten. Damit war natürlich das Thema für unser Foto vorgegeben. Das Eintauchen in seine Musik mit der Mundharmonika und schemenhafte Passanten ohne Gesichter.


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