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Fünf Fotografen – Ein Bild

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Ein Foto ist immer die individuelle Interpretation des Fotografens. Und jeder Fotograf hat einen unterschiedlichen Hintergrund, unterschiedliche Ansichten und Einstellungen. So ist es wenig verwunderlich, dass bei ein und demselben Motiv durch verschiedene Fotografen völlig unterschiedliche Bilder entstehen können.

Hier möchten wir Euch Bilder vorstellen, die aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Fotografen entstanden sind und dadurch völlig unterschiedliche Interpretationen zulassen.

Die Situation: Eine Aussichtsplattform mit Rundumblick auf Stuttgart. Eine Mutter hilft ihrem Kind, sich auf einen kleinen Vorsprung zu stellen, um besser sehen zu können und stützt es ab, damit es nicht hintenüberfällt.

Lukas Springer:

Eigentlich eine von Grund auf positive und liebenswerte Situation. Dennoch, und das ist ja das Schöne an der Fotografie, erlaubte ich mir eine andere Interpretation. Das Gitter zum Schutz vor dem Herunterfallen ähnelte den Absperrungen eines Gefängnisses und der Blick auf die »Außenwelt« und die Gestik des Kindes hatten etwas Sehnsuchtsvolles.

So könnte diese Situation auch mit dem Wunsch des Ausbruchs des inneren Kindes interpretiert werden.

Elias Just:

Soll ich jetzt ein Foto machen? Ja, denn das Motiv hat Stärke. Ich sehe meine Tochter, ich sehe mich und ich sehe mein Leben wie es an mir vorbei zieht.

Ich sehe die Neugier des Jungen, seinen Willen dort oben zu stehen und in die Ferne zu schauen. Der kleine Mensch, der auf die große Welt sieht, in der er noch alles vor sich hat. Es scheint, er hat noch die kindliche Neugier, sich trotz des Hindernisses vor seinen Augen nicht einschüchtern zu lassen.

Reiner Girsch:

Eine Mutter, die ihr Kind stützt. Vorsichtig und bedacht. Ihm zeigt, wie die große Welt von oben aussieht. Der Junge voller Neugier auf die Welt wähnt sich in Sicherheit, weil er weiß, Mama ist da und hält mich fest. Nicht nur jetzt, sondern immer in dieser Welt. Die Schlösser zeigten mir nicht nur den Brauch der Liebe, die so ewig sein sollten, nein auch, dass der Junge mit seiner Neugier auf diese Welt auch bald ein Teil des Systems wird. Spätestens ab Klasse 5 schnappt das Schloss zu und integriert ihn.

Ich hoffe, die Haltung, die er auf dem Bild zeigt, bewahrt er sich und bleibt immer neugierig auf diese Welt, auch wenn sie nicht so sicher ist, wie in diesem Moment, in dem seine Mama ihn hält. Soll ich jetzt ein Foto machen? Nein, denn Kinder stehen unter besonderem Schutz – und das ist auch richtig so. Doch der Augenblick ergreift mich, das Motiv löst etwas in mir aus, das ich festhalten möchte. Dieses Bild ist für mich ein Spiegel der Zeit. Es zeigt mir die Unbefangenheit, die Menschen in ihrer Kindheit hatten, den offenen Blick auf die Welt, ohne Grenzen zu spüren.

Markus Kühne:

Nachdem der Junge von seiner Mutter auf die Brüstung gehoben wurde, hielt er sich zunächst mit beiden Händen am Gitter fest und blickte über den StuttgarterTalkessel hinweg in die Ferne. Als er plötzlich etwas Interessantes entdeckte, gab er seinen sicheren Halt auf und gestikulierte mit einem Arm in die entsprechende Richtung, um seine Mutter auf seine Entdeckung aufmerksam zu machen.

In diesem Moment löste ich aus und nahm dabei die danebenstehende Mutter bewusst mit ins Bild. Denn sie konnte auch in diesem Moment den Blick nicht von ihrem Sohn lösen. Somit entstand ein spannender Gegensatz zwischen kindlicher Unbeschwertheit und Neugierde sowie einer besorgten Mutter um die Sicherheit ihres Kindes.

Marc Barkowski:

Die Zeiten, in denen wir menschliche Verluste zu beklagen haben, ereilen uns alle, auf kurz oder lang. Schmerzerfüllt, wir, die zurückgebliebenen Menschen, begreifen es zunächst nicht. Wie wird es sich anfühlen, alleine zu sein? Wir bleiben zurück im Käfig des Lebens, kämpfen händeringend mit dem trostlosen Regen, der uns bei diesem Gedanken ereilt. Da hilft auch kein Schirm, bis die Sonne scheint.

Es bleibt die enge Verbundenheit, die wir mit einem symbolischen Schloss einschließen. Wir werden alle sanft andere Hände halten, wissend, dass sie uns loslassen müssen. Das letzte gemeinsame Treffen erscheint wie ein Spiegelbild. Auf welcher Seite erkennst Du Dich selbst?

Im Herzen tragen wir den gedankenverlorenen Blick in die Ferne, gleich der Sehnsucht nach einem Wiedersehen. Die Frage nach dem Ende unserer Reise steigt auf, ein One-way-Ticket zu den bedeutsamen Menschen des eigenen Lebens. So lange sich diese Welt für uns dreht, halten wir das Steuer in der Hand.

Wir kehren der Nacht den Rücken, es liegt allein in unserer Macht.

1 KOMMENTAR

  1. Fünf Fotografen, ein Bild.
    Eine sehr gute Dokumentation, wenn ich durch die Facebook, Flickr Foren klicke, lese ich immer wieder verschiedene Ansichten des Betrachters. Der eine kann es sehen, der andere nicht.
    Dementsprechend sind auch die Kommentare zu lesen, es ist meine Geschichte die ich sah.
    Die verschiedenen Ansichten des Betrachters sind nicht immer die gleichen.
    Mein Sohn sagte mal zu mir, warum hast du das Foto mit dem alten Mann in der Diele aufgehängt.
    Ich sagte ihm“ weil ich die Traurigkeit festhalten wollte und es schön finde“. Er meinte, du hast doch gar keinen Bezug zu diesem alten Mann. Ich sagte ihm, als ich dieses Foto fotografierte, sah ich
    in seinen Augen, dass er traurig und nachdenklich ist. Genau diese Traurigkeit wollte ich festhalten.

    Lg.Stefan

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