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Streetfotografie in Farbe (Teil 1)

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Streetfotografie in Farbe – Die Welt ist nicht schwarz-weiß.

Farbenblind

Nachdem ich auf einer Reise durch Südostasien und Indien entdeckte, wie viel Spaß es mir bereitet, zu fotografieren, war für mich klar, dass die Fotografie mein neues Hobby werden sollte. So bestellte ich mir direkt nach meiner Rückkehr nach Deutschland meine erste richtige, halbwegs professionelle Kamera. Nun stellte sich aber die Frage, in welche fotografische Richtung es denn gehen sollte. Über Landschaft und Architektur, Langzeitbelichtungen und Makrofotografie probierte ich so einiges aus. Als ich dann aber eher durch Zufall im Internet die Streetfotografie entdeckte, war ich sofort begeistert. Das schien genau mein Ding zu sein! Also die Kamera eingepackt und nichts wie raus auf die Straßen Kölns. Wieder zu Hause angekommen war ich sehr stolz auf die Ausbeute meines ersten Streifzuges. Meine Bilder wirkten auf mich so künstlerisch wie nie zu vor. Nachdem ich mich allerdings etwas mehr in die Materie eingelesen hatte, stellte sich Ernüchterung bei mir ein. Vieles was ich für besonders kunstvoll hielt, war größtenteils einfach nur die Erfüllung der gängigsten Klischees.

Was war also geschehen? Einen Fehler unter vielen war zu denken, dass Streetfotografie unter allen Umständen in schwarz-weiß gemacht werden muss. Ein Irrtum, den sicherlich viele Anfänger aufsitzen. Besonders ärgerlich war diese Erkenntnis für mich, da es unter meinen ersten Street-Bildern – trotz aller Anfängerfehler – zumindest einige brauchbare Bilder gegeben hätte, wenn sie denn in Farbe gewesen wären. Aufgrund der Jpg-Einstellung war diese jedoch für immer verloren.

Schwarz-Weiß oder Farbe?

Woher kommt also der Eindruck, dass Streetfotografie ausschließlich schwarz-weiß sein sollte? Höchstwahrscheinlich liegt es daran, dass die großen Meister der Streetfotografie hauptsächlich auf Schwarz-Weiß-Film fotografierten. Auch wenn ein Grund dafür sein könnte, dass der Schwarz-Weiß-Film zu diesen Zeiten die einzige Alternative war wird diese Art zu fotografieren von vielen immer noch als Dogma angesehen.

Man kann sagen, dass die Frage, ob Farbe oder nicht, eine der meist diskutierten in der Streetfotografie ist.

“When you photograph people in color, you photograph their clothes. But when you photograph people in black and white, you photograph their souls!”  

“Wenn man Menschen in Farbe fotografiert, fotografiert man ihre Kleider. Aber wenn man sie in schwarz-weiß fotografiert, fotografiert man ihre Seelen!“.

– Ted Grant

„Photography has always been associated with death. Reality is colorful, yet early photography always took the color out of reality and made it black-and-white. Color is life; black-and-white is death.“

“Fotografie wurde immer mit dem Tod assoziiert. Die Realität ist farbig, aber die frühe Fotografie nahm die Farbe aus der Realität und machte sie schwarz-weiß. Farbe ist Leben, schwarz-weiß ist Tod.

NOBUYOSHI ARAKI

Manche Fotografen unterscheiden zwischen schwarz-weiß und Farbe je nachdem, was sie wie darstellen wollen.

„Color is descriptive. Black and white is interpretive. “

„Farbe ist beschreibend, Schwarz-Weiß ist interpretativ“

– Elliott Erwitt

Wieder andere sehen gar keinen so großen Unterschied zwischen Farbe und Schwarz-Weiß.

“There isn’t much difference between photographing in color or black-and-white.” 

“Da ist kein großer Unterschied zwischen Farbe und Schwarz-Weiß“

Daido Moriyama

Mehrere tausend Bilder nach meinen ersten Gehversuchen in der Streetfotografie fotografiere ich zwar immer noch hauptsächlich in schwarz und weiß, ca. 70 Prozent würde ich grob schätzen, bin mir aber durchaus der Wirkung und der Vorteile von Farbe in meinen Fotos bewusst und versuche sie immer mehr einzusetzen.

Die Welt ist nun mal nicht schwarz-weiß, im direkten wie auch im übertragenden Sinne. Daher sollte man sich, auch wenn man hauptsächlich in schwarz-weiß fotografiert, der Farbe gegenüber offen zeigen, da sich einem dadurch ganz neue Welten eröffnen und mache Bilder ihre volle Wirkung nur in Farbe entfalten.

Beispiel: Brooklyn

Beispielhaft dafür sind zwei Bilder, die ich in New York aufgenommen habe. Ich war unterwegs in einem Hafenviertel in Brooklyn (eine ein kleinwenig zwielichtige Gegend) als mir ein Mann in einem kitschigen Anzug, gefolgt von zwei weiteren Personen, entgegenkam. Seine Attitüde, seine Klamotten, sein Stil und seine zwei Begleiter, die gut als Bodyguards durchgehen konnten, alles erinnerte mich an eine Szene aus einem Mafia-Film.

Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als ich keine 30 Sekunden später um die Ecke bog und dort diesen Gentleman sah, wie er seine Geschäfte am Telefon abwickelte.

Dies sind nicht unbedingt meine besten Fotos, aber ich liebe die Geschichte(n), die sie erzählen bzw. die man in sie hineininterpretieren kann.

Die Stimmung, die sie ausstrahlen entfalten sie meiner Meinung nach allerdings nur komplett, wenn man sie in Farbe betrachtet.

Warum? Das knallige Gelb der Krawatte, noch verstärkt durch den Kaffeebecher und seine gebräunte Haut, lässt erst das kitschig-zwielichtige Bild eines Italo-amerikanischen Mafiosos, wie man ihn z.B. aus „Die Sopranos“ kennt, entstehen. Im zweiten Bild bietet die rote Backsteinwand zum einen einen schönen Kontrast zu dem schwarzen Anzug, zum anderen lässt sie die Umgebung lebendiger erscheinen.

Es wird hier sicherlich unterschiedliche Meinungen geben, da Geschmäcker bekanntlich verschieden sind. Ich für meinen Teil könnte mir diese Bilder allerdings nicht in Schwarz-Weiß vorstellen.

(Teil 2 folgt nächste Woche…)

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